„Über nichts nachzudenken ist Zen. Wenn Du das einmal weißt: gehen, stehen, sitzen oder liegen und alles, was du tust, ist Zen.“

[Bodidharma]

Es war einmal vor langer Zeit…

 

Als sich die Zen-Tradition allmählich in Japan ausbreitete und die ersten Klöster entstanden, lebte in der Nähe von Kyoto ein Meister mit dem Namen Hōhō, der viele Schüler um sich versammelte, um sie zur Wirklichkeit des Buddhaweges zu führen. Zwei seiner Schüler hatten es ihm besonders angetan. Und er erwählte sie, mit ihm gemeinsam das Kloster zu leiten. Der Ältere der beiden Mönche hieß Kaichì, der jüngere Màoyì. Beide waren fleißige Schüler. Kaichì beherrschte die Versenkung, das Za-Zen, wie keiner seiner Klosterbrüder. Immer saß er in betont aufrechter, stabil in sich selbst ruhender Körperhaltung. Niemals schlief er ein. Und er konnte stundenlang sitzen, ohne die Beherrschung über seinen Körper zu verlieren. Seine Brüder bewunderten ihn und insgeheim wussten sie, dass sie seinen Beherrschungsgrad nicht erreichen würden. Kaichì konzentrierte sich sehr auf seine tägliche Praxis. Regen ließ er dann Regen sein, Unstimmigkeiten unter den Brüdern ließ er Unstimmigkeiten sein, Klosterarbeit ließ er Klosterarbeit sein. „Atmen ist Atmen“, sagte Kaichì dann und lächelte. Ganz anders war Màoyì. Für ihn war rechtes Handeln das Herz seiner täglichen Übung. Jeden Tag verließ er das Kloster, um den Menschen im Dorf zu helfen; er teilte sein Essen, half den Mägden und Bauern auf dem Feld und hütete die Tiere. Wenn er nicht gerade bei den Menschen im Dorf war, unterstützte er den Meister Hōhō. Màoyì war streng, wie es die Tradition von ihm erwartete. Seine Strenge sorgte für klösterliche Ordnung.  Und so wie er sich von Tag zu Tag entschied, mal dem einen Bauern zu helfen, dann dem anderen, so traf er auch seine Entscheidungen im Kloster, mal so und mal so.

Welchen Weg gehst du?

Eines Tages, der Winter war gerade herangebrochen, kam Meister Hōhō zu Kaichì, dem älteren seiner Schüler, und fragte ihn: „Welchen Weg gehst du, um das Nirvana zu verwirklichen?“. Kaichì verneigte sich und sprach: „Ich gehe den Weg, den mich die Tradition lehrt. Ich praktiziere Za-Zen, Meister.“ „Ja, das tust du“, sprach der Meister, lächelte und ging. Einige Tage später begegnete Màoyì dem Meister Hōhō. Und wieder fragte der Meister: „Welchen Weg gehst du, um das Nirvana zu verwirklichen? Màoyì verneigte sich tief vor dem Meister und sprach: „Ich gehe den Weg, den mich die Tradition lehrt. Ich praktiziere rechtes Handeln und helfe den Menschen im Dorf“ „Ja, das tust du“, sprach der Meister, lächelte und ging.

Als sich der Winter allmählich verabschiedete und sich die ersten Frühlingsboten zeigten, nahm der Meister seine beiden Schüler und ging mit ihnen in das Dorf. Auf dem Weg – sie gingen gerade einen schmalen Feldweg entlang – sahen sie in einiger Entfernung einen Bauern, der mit seiner Familie, seinen Mägden und Knechten das Feld bearbeitete. Als die drei Mönche näher kamen, erkannten sie, dass der Bauer gerade das Bein seiner Frau verband, die sich bei der Feldarbeit verletzt hatte. Meister Hōhō blickte zu seinen Schülern Kaichì und Màoyì und sprach: „Bei diesen Leuten werden wir um Speis und Obdach bitten.“ Màoyì, der seinen Ohren nicht trauen wollte, erwiderte: „Meister Hōhō, siehst du nicht, dass der arme Mann gerade andere Sorgen hat. Unmöglich können wir ihm zur Last fallen.“ Aber der Meister ließ sich nicht beirren und setze seinen Weg fort. Lächelnd ging er auf den Bauern zu, der sich immer noch um seine Frau kümmerte, und sprach ihn an: „Mein Herr, würdest du drei einfachen Mönchen für eine Nacht Obdach, Speis und Trank gewähren?“. Der Bauer sah auf, nahm seine Frau in den Arm, schaute sie an und entgegnete dann: „Alles, was wir haben, teilen wir gerne mit euch. Seid willkommen!“ Meister Hōhō bemerkte die Milde und Güte in den Augen des Bauern und folgte ihm gemeinsam mit seinen Schülern zum Hof.

„Meister Hōhō, der Bauer ist ein ungebildeter Mann, der auf deine Frage nicht die rechte Antwort wusste. Warum hast du dich vor ihm verbeugt?“

In der Wohnstube wurde für die Mönche ein einfacher, aber reichlicher Tisch gedeckt. Bis in den späten Abend saßen sie zu Tisch. Kurz vor Mitternacht stand Meister Hōhō, der sich des Verhaltens des Bauern während des ganzen Abends gewahr war, vom Tisch auf, betrachtete den Bauern und fragte ihn: „Du gibst Deiner Magd für den Abend frei und versorgst die Wunde Deiner Frau selbst?“ „Ja“, entgegnete der Bauer, „das ist meine liebe Frau!“. Meister Hōhō nickte und fragte weiter: „Du lässt deine Knechte ausruhen und kümmerst dich selbst um die hungrigen Tiere?“ „Ja“, erwiderte der Bauer wieder, „das sind meine lieben Tiere!“  Der Meister lächelte und stellte noch eine Frage: „Du teilst mit uns dein Essen, obgleich du selbst nicht viel hast?“ „Ja“, sagte der Bauer, „ihr seid meine lieben Freunde!“ Meister Hōhō trat einen Schritt auf den Bauern zu und schaute ihm in die Augen. Dann fragte er den Bauern: „Welchen Weg gehst Du, um das Nirvana zu verwirklichen?“ Der Bauer senkte seinen Blick und sprach: „Lieber Meister, ich bin nur ein einfacher Diener. Ich weiß nicht, was das Nirwana ist.“ Meister Hōhō lächelte, verbeugte sich tief vor dem Bauern und dankte ihm von Herzen. Dann verließen die Mönche die Wohnstube. Auf dem Weg zum Stall, wo man ihnen ein Nachtlager bereitet hatte, sprach Kaichì den Meister an: „Meister Hōhō, der Bauer ist ein ungebildeter Mann, der auf deine Frage nicht die rechte Antwort wusste. Warum hast du dich vor ihm verbeugt?“ Wieder lächelte Meister Hōhō und entgegnete: „Gehört es nicht zu unserer Tradition, dass wir uns vor Buddha verneigen?“ Noch lange dachte Kaichì über die Worte des Meisters nach und schlief dann ein.

 

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Dr. Katja Bartlakowski

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