„Sie können überall auf der Welt im Wald baden – überall, wo es Bäume gibt; bei Hitze oder Kälte; bei Regen, Sonne oder Schnee. Sie brauchen nicht einmal einen Wald. Wenn Sie einmal gelernt haben, wie man das macht, können Sie überall Shinrin Yoku praktizieren – in einem nahe gelegenen Park oder in Ihrem Garten. Suchen Sie sich einen Ort, wo es Bäume gibt, und los geht’s!“

[Quing Li, Waldmediziner und Wissenschaftler]                   

 

Zurzeit spüren wir die Folgen der Corona-Epidemie: Soziale Abstandsregeln, Kontaktsperren, häusliche Isolation, Hamsterkäufe und eine mediale Berichterstattung mit Negativbeiträgen im Sekundentakt. Nichts scheint mehr normal. Sorgen, Verunsicherung, Orientierungslosigkeit, Ängste bis hin zur Panik vor Tod und Sterben sind weit verbreitet. Niemals zuvor war die flächendeckende, psychische Belastung in der Gesellschaft so deutlich spürbar wie in diesen Wochen. Mediziner prognostizieren bei anhaltender Depression die Zunahme stressbedingter Herz-Kreislaufkrankheiten – zusätzlich zur Corona-Infektionsgefahr. Was passiert hier gerade?

Vielleicht ist es Zeit, einmal „stop“ zu sagen und kurz innezuhalten, durchzuatmen. Kein Fernsehen. Kein Radio. Kein Internet. Kein Krisenbericht. Was wir in diesen schwierigen Zeiten vermehrt brauchen, ist eine Umgebung, die von uns nichts erwartet, in der wir nichts leisten müssen, in der wir einfach sein dürfen, und die eine beruhigende sowie heilende Wirkung auf uns hat. Eine solche Umgebung bietet der Wald.

 

Raus in den Wald

Wir alle wissen, wie gut wir uns im Wald fühlen können: die saubere, frische Luft, der Duft der Bäume und des feuchten Mooses, die Geräusche des Waldes, Vogelgezwitscher, das Rauschen des Windes in den Baumkronen, das Sonnenlicht, das durch das Geäst bis zum Waldboden strahlt – all dies gibt uns ein Gefühl der Behaglichkeit, der Ruhe und des Wohlbefindens. Der Wald ist wohltuend. Und mittlerweile ist das auch wissenschaftlich belegt: der Wald wirkt auf uns stressreduzierendend und vermag unsere seelische Balance wiederherzustellen; er schenkt uns Energie und Vitalität und stärkt sogar unser menschliches Immunsystem.

 

Bereits der Anblick von Bäumen wirkt beruhigend

Die Pflanzenwelt ist stark miteinander vernetzt. Ihre Kommunikation findet vornehmlich über chemische Botenstoffe in Gestalt von Duftstoffen statt, die von den Pflanzen an die Luft abgegeben werden. Viele dieser Stoffe sind sekundäre Pflanzenstoffe und gehören zu den so genannten Terpenen. Terpene sind Bestandteile der ätherischen Pflanzenöle, die insbesondere in heimischen Nadelbäumen wie der Kiefer, der Fichte oder der Weißtanne zu finden sind. Atmen wir diese bioaktiven Substanzen ein oder nehmen sie über die Haut auf, hat dies eine immunsystemstärkende Wirkung. Gerade in den Monaten April und Mai steigt die Konzentration der Terpene in der Luft und erreicht im August ihren Höhepunkt.

Aber der Wald kann noch mehr: Bereits 15 Minuten Spazierengehen im Wald genügen, um merklich das Stressempfinden zu reduzieren, Blutdruck und Herzfrequenz zu senken und Stresshormone im Blut zu vermindern. Allein der Anblick von Bäumen soll sich messbar positiv auf unsere Gesundheit auswirken.

 

In der Waldatmosphäre baden

In Japan sind die positiven Effekte des Waldes auf unsere Gesundheit seit langem bekannt. Dort wird deshalb seit den 1980er Jahren etwas praktiziert, das Shinrin Yoku genannt wird. Shinrin bedeutet auf Japanisch „Wald“, und Yoku bezeichnet das „Bad“. Shinrin Yoku bedeutet also: in der Waldatmosphäre zu baden, den Wald mit allen Sinne aufzunehmen. Beim Waldbaden werden Spaziergänge im Wald mit bestimmten Übungen aus der Achtsamkeitspraxis kombiniert. Es geht darum, in der Natur zu sein und sich über die Seh-, Hör-, Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinne mit ihr zu verbinden. Shinrin Yoku ist wie eine Brücke: Wir öffnen unsere Sinne und treten ein in eine tiefe Verbindung mit der Natur. Das geschieht bewusst und achtsam.

 

Lust, einmal im Wald zu baden?

Suche dir einen schönen Platz im Wald, eine Stelle, die du magst. Stelle sicher, dass du nicht gestört wirst. Lass dein Handy zuhause. Nimm dir Zeit, an deinem Waldplatz anzukommen. Nimm deinen Körper wahr, deine Atmung… Spüre in dich hinein und lasse dich von deinem Körper leiten. Wohin möchte er dich führen? In welche Richtung möchte er gehen? Folge ihm und bewege dich dabei ganz bewusst und bedächtig… Wie fühlt sich der Waldboden unter deinen Füßen an? Nimm jeden einzelnen Schritt wahr… Und wenn du magst, kannst du deine Schritte mit deiner Atmung verbinden… Einatmen – Fuß anheben, ausatmen – Fuß senken oder einatmen – Schritt, ausatmen – Schritt… schau einfach, was für dich passt.

Wenn du ein paar Schritte gegangen bist, halte einmal inne und nimm ganz wach deine Umgebung um dich herum wahr. Betrachte den Waldboden, die Farbenvielfalt, das Gehölz, die Tiere und mögen sie auch noch so klein sein. Schaue dir auch die Bäume an, die Grüntöne. Nimm auch das Sonnenlicht wahr, das durch die Zweige dringt. Vielleicht regnet es aber auch. Dann nimm die Regentropfen wahr… verweile einen Augenblick und betrachte die Vielfalt und Lebendigkeit des Waldes.

Lass deinen Blick nun ganz weich werden – er muss nichts mehr fokussieren – und lenke deine Aufmerksamkeit auf die Geräusche des Waldes. Lausche dem Gesang der Vögel oder dem Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume. Vielleicht knackt aber auch irgendwo ein Ast … verweile… nimm einfach wahr.

Du kannst nun die Geräusche in den Hintergrund treten lassen und deine Aufmerksamkeit auf den Duft des Waldes lenken. Vielleicht kannst du etwas Erdiges riechen oder etwas Harziges… Wie fühlt es sich an, tief in den Bauch hinein zu atmen? Wie schmeckt die Luft? … Verweile auch hier wieder einen Augenblick.

Wenn du magst, kannst du einen losen Waldgegenstand aufheben, etwa einen Zweig, der auf dem Boden liegt, einen Stein, einen Tannenzapfen, ein Stück Holz oder ein wenig Erde… Schau einfach, welcher Gegenstand dich anspricht oder dir ins Auge fällt. Nimm ihn in deine Hände und ertaste ihn von allen Seiten, bewege ihn in deinen Händen, spüre ihn… vielleicht magst du beim Erspüren deine Augen schließen … und vielleicht kannst du fühlen, wie sehr du jetzt gerade mit der Natur verbunden bist.

Behalte den Gegenstand gerne in deiner Hand. Du kannst nun deinen Waldspaziergang mit ein paar bewussten, langsamen Schritten ausklingen lassen, nimm deinen Körper dabei wahr, deine Atmung … wie fühlt sich beides jetzt an? Wie geht es dir?

 

Versuche achtsam durch den Wald zu gehen und spüre dabei in dich hinein. Du wirst merken, wie deine Atmung gleichmäßiger und dein Puls ruhiger wird, sich die Muskeln entspannen und sich deine Stimmung verbessert. Stress, Anspannung und Erschöpfung treten allmählich in den Hintergrund.

Wer mehr erfahren möchte über die Heilkraft des Waldes, dem sei die NDR-Dokumentation „Ist der Wald Medizin?“ sehr ans Herz gelegt, einsehbar auf Youtube.

 

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Dr. Katja Bartlakowski

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